Covid-19 als Chance

Corona: Der Schub für die Digitalisierung

Warum Marcus Schellerer, Geschäftsführer von Rittal Österreich, glaubt, dass die Corona-Pandemie Industrie 4.0-Themen voranbringen wird, sich der Fachkräftemangel trotz steigender Arbeitslosenzahlen nicht legen wird und welche Rolle der pure Zufall bei analogen Fachmessen spielt.

Digitalisierung im Einsatz: Rittal produziert seit heuer in einer „Smart Factory“, die mit einer Investition von 250 Mio. Euro am Stammsitz in Deutschland realisiert wurde. 

Wer die Digitalisierung schon bisher ernst genommen hat, der wird gestärkt aus der Krise hervorgehen. Davon ist Marcus Schellerer, Geschäftsführer von Rittal Österreich, überzeugt. Schon ganz praktische Notwendigkeiten bringen das mit sich: „Viele Leute müssen sich jetzt mit digitalen Tools beschäftigen, die das bisher nicht getan haben – wer jetzt beispielsweise nicht sofort lernt, wie man an einer Videokonferenz teilnimmt, wird sich im Berufsleben zukünftig schwertun.“ Das betrifft selbstverständlich auch das Kerngeschäft von Rittal. Der Schaltschrank-Marktführer setzt gemeinsam mit der Schwesterfirma Eplan seit geraumer Zeit auf die Digitalisierung im Schaltschrankbau. Jene Kunden, die das schon angenommen haben, tun sich aktuell leichter als andere, meint Schellerer: „Sie können flexibler auf die Situation reagieren, brauchen weniger Manpower für die Planung und sind sowohl effizienter als auch weniger fehleranfällig.“ Und wer sich bisher nicht ausreichend damit beschäftigt hat, der hat jetzt Zeit dafür, das nachzuholen. Die Zeit im Home Office wird verstärkt für die Beschäftigung mit digitalen Tools und für die Weiterbildung im Eigenstudium oder via Webinaren genutzt. 

„Social Distancing“ als selbsterklärender Vorteil

Wenn die Corona-Pandemie auch nur einen positiven Effekt hat, dann ist es der Schub für die Digitalisierung, der derzeit für Marcus Schellerer zu spüren ist. Davon werden mittelfristig auch Industrie 4.0-Themen wie Digital Twins, Predictive Maintainance und Smart Factory profitieren, die zunehmend selbstverständlich werden. Das beginnt schon dabei, dass für einen via IIoT an ein Fernwartungssystem angeschlossenen Maschinenpark nicht jedesmal ein Servicetechniker rausfahren muss, wenn ein Fehler auftritt, sondern ihn vielleicht sogar schon im Vorfeld über Fernwartung lösen kann: In Zeiten von „Social Distancing“ ein selbsterklärender Vorteil. 

Die Entscheidung fällt im 3. Quartal

Kurzfristig ist die entscheidende Frage jedoch keine technische, sondern eine wirtschaftliche: Wie tief wird die Rezession sein, fragt sich Schellerer. Denn von der wirtschaftlichen Gesamtlage wird abhängen, wie viel Budget die Industrieunternehmen für die nötigen Investitionen haben werden.

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In den ersten zwölf Wochen konnte Rittal in Österreich in etwa den Umsatz und der Auftragsstand auf Vorjahrsniveau gehalten werden. Das ist vor allem auf den Mittelstand zurückzuführen, der nicht nur weiterarbeitet, sondern darüber hinaus auch Vorziehkäufe tätigt, um eventuellen zukünftigen Unsicherheiten in der Lieferkette vorzubeugen. Die Liquidität ist nach vielen guten Jahren in den meisten KMUs vorhanden. Große Kunden und global agierende Konzerne hingegen setzen in der jetzigen Situation auf Kurzarbeit oder gleich auf Werksschließungen. Spannend wird es für Schellerer erst im dritten Quartal: „Wenn unsere Kunden alle ihre aktuellen Aufträge abgearbeitet haben, was kommt dann im Herbst?“ Da gibt es derzeit zu viele unbekannte Faktoren, als dass eine seriöse Prognose abgegeben werden könnte. So stand beispielsweise die extrem konjunkturrelevante Automobilbranche still. Unklar ist nicht nur, wann und in welchem Ausmaß der Shutdown der Autoproduktion aufgehoben werden wird, sondern auch ob dann einfach nur die Produktionsstraßen wieder anlaufen oder ob geplante Anlageninvestitionen wieder aufgenommen werden. Auch bei Rittal hat man auf die üblichen Maßnahmen wie Kurzarbeit oder Urlaubsabbau zurückgegriffen.

CAD-Zeichner werden Mangelware bleiben

Die in der Rezession steigende Arbeitslosigkeit sieht Schellerer nicht als potenzielle Bremse für die Digitalisierung. Der Fachkräftemangel in technischen Berufen, der einer der wichtigsten Treiber von Digitialisierung und Automatisierung war, sei nicht merklich betroffen: „Die Zuwächse bei der Arbeitslosigkeit stammen in erster Linie aus Handel, Gastronomie und Hotellerie, die Industrie federt Auftragsrückgänge derzeit mit Kurzarbeit und durch Abbau des Leihpersonals ab“, meint Schellerer. Die Top-Leute würden im Gegenteil sogar gehalten und deren Zeit im Home Office noch stärker für technische Aus- und Weiterbildungen genutzt – auch das Faktoren, die der Digitalisierung zugute kommen werden. Und manche Engpässe bei den Kunden werden sich auch in nächster Zeit nicht ändern: „CAD-Zeichner werden Mangelware bleiben!“

„Business Continuity“ als neue Herausforderung

Änderungen wird die Krise mit Sicherheit in der internen Organisation von Unternehmen und in der Vorbereitung auf Notfälle geben, da ist sich der Rittal-Geschäftsführer nach vielen Telefonaten und Gesprächen mit Branchenkollegen und Kunden sicher: „Business Continuity wird ein großes Thema! Wir haben jetzt alle einen Zettel, auf dem wir notieren was wir nach der Krise besser machen wollen.“ Das ist die zentrale Erkenntnis aus der Herausforderung, ganze Bürobelegschaften ins Home Office zu verlegen – inklusive VPN-Zugang, Hardwaretransport und Datensicherheit: „Da können wir alle voneinander lernen“, so Schellerer. Denn eine Extremsituation wie die jetzige führt dazu, dass die Karten neu gemischt werden und jeder überlegt, ob die Vorgangsweise in der Vergangenheit gescheit war oder nicht so manche Dinge anders, besser gemacht gehören.

Smart Automation: Digitalisierung darstellen!

Das gilt auch für die Fachmesse Smart Automation. Mit Blick auf den Veranstalter sagt Schellerer: „Reed Exhibitions ist gut beraten, sich jetzt neue Konzepte für die Zukunft zu überlegen und genau zu analysieren, was der Benefit einer Fachmesse ist.“ Für ihn hat der Standort Wien gerade deshalb seine Berechtigung, weil die Smart hier anders aufgestellt werden kann als in Linz. Sein Ansatz: In Wien kann im Verbund mit der Intertool die Digitalisierung sowohl von der Anbieter- als auch von der Nutzerseite her gezeigt werden. Auf der einen Seite das Werkzeug, auf der anderen die Anwendung. „Die Digitalisierung von Anfang bis Ende darstellen und dafür die Möglichkeiten der Wiener Messehallen und des Messedoppels mit der Intertool nutzen – das bringt einen WOW-Effekt für die Besucher“, sagt Schellerer: „Nur mit dem Zeigen von neuen Schaltschränken, neuen Sensoren oder neuen Klemmen holt man heute keinen mehr hinter dem Ofen hervor.“ In diesem Sinne plädiert er für mutige Schritte bei der Weiterentwicklung der Smart Automation. Corona dürfe nicht als Mittel zum Zweck benutzt, die Smart Wien einfach zu Grabe zu tragen. Denn auch in Zukunft werden echte Fachmessen neben virtuellen Veranstaltungen Platz haben. Trotz aller Vorteile wie Unabhängigkeit von Zeit und Ort könne eine digitale Messe eines nicht bieten: Den Zufall! Bei einer Messe finden laufend Begegnungen statt, bei denen angesichts der an einem Ort geballten Fachkompetenz oft nebenbei wichtige Informationen ausgetauscht und spannende Kontakte geknüpft werden. Schellerer: „Auf einem Bildschirm läuft mir niemand zufällig über den Weg.“ 

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