Interview: Helmut Schmid über seine Pläne als CEO von AGILOX : Neuer Wind bei autonomen mobilen Robotern

Helmut Schmid will mit AGILOX die globale Marktführerschaft im AMR-Bereich erzielen.

Helmut Schmid will mit AGILOX die globale Marktführerschaft im AMR-Bereich erzielen.

- © AGILOX

Noch im November 2021 haben Sie in Ihrem Podcast „Robotik in der Industrie“ AGILOX-Co-Founder Franz Humer interviewt. Seit Jahresbeginn sind Sie Geschäftsführer des Unternehmens. Wie ist es dazu gekommen?

Helmut Schmid: Manchmal gibt es Dinge, die sind weder planbar noch vorhersehbar. Und so war es auch in diesem Fall. Es war wohl Zufall, dass hier zwei Parteien hervorragend zusammengepasst haben. Einerseits steht AGILOX voll auf Expansionskurs und für mich war der Wechsel von der stationären zur mobilen Robotik ein entscheidender Punkt. Es hat menschlich und fachlich hervorragend zusammengepasst.

Zuvor waren Sie als CEO von Franka Emika und langjähriger Deutschland- und Westeuropa-Chef bei Universal Robots im Bereich der Cobots tätig. Welche speziellen Herausforderungen sehen Sie im Bereich der AMRs?


Helmut Schmid:
Ich glaube, dass Robotik und Automatisierung die Wachstumsmärkte der Zukunft sind. Die stationäre und mobile Robotik ergänzen sich hervorragend. Und für mich war es einfach eine spannende Herausforderung, nachdem ich sechs Jahre im Bereich der Cobots tätig war und über ein sehr gutes Netzwerk verfüge. Ich bin der Meinung, dass man mit mobilen Robotern nicht wirklich im Wettbewerb zu den großen Automatisierungsanbietern steht, sondern ein Ergänzungsprodukt ist. Die Logistik wird mit Sicherheit einer der großen Zukunftstreiber sein. Und da wir parallel zum Wettbewerb arbeiten, kann ich mein Netzwerk deutlich besser nutzen und einsetzen.

Mit dem "AGILOX ONE" wurde eine marktreifer AMR entwickelt, mit dem man in Zukunft vermehrt KMUs ansprechen will.

AMR hat sich von AGV (Automated Guided Vehicle) abgekoppelt und es gibt momentan viele Laborfirmen, die dabei sind, ihre Produkte zu industrialisieren. Agilox hat inzwischen 20 Siemens-Werke ausgestattet, die Partnerschaft mit dem chinesischen Riesen Tobacco China deutet auch auf eine gute Auftragslage hin. Wie ist der Stand der Dinge bei AGILOX?

Helmut Schmid:
Ich glaube, man kann sagen, dass unsere Produkte – insbesondere der "AGILOX ONE" – mittlerweile industrialisiert sind. Wir haben das Produkt schon 2017 auf der “Fachpack” vorgestellt. In den darauffolgenden Jahren wurde das Produkt marktreif gemacht und die ersten guten Projekte umgesetzt. Das waren keine Forschungslabor-Umgebungen, sondern ein industriell-operativer Einsatz. Und das war für uns die Bestätigung, dass wir aus dem Stadium des Proof of Concept draußen sind. Wir hatten, wie alle anderen, einige Kinderkrankheiten, aber das Produkt funktioniert mittlerweile sehr gut und kommt am Markt hervorragend an. Insofern sind wir gut aufgestellt und dem Wettbewerb um eine gute Nasenlänge voraus.

AMR und AGV sind tatsächlich komplett voneinander getrennt zu sehende Produkte. Eine der größten Herausforderungen ist nach wie vor das Thema Aufklärung – gerade wenn es um KMUs geht. Dass die großen Konzerne, die seit Jahrzehnten mit der Automatisierung zu tun haben, schnell einmal in einen Cobot oder AMR investieren, ist naheliegend. Aber die Hauptzielgruppe von uns wird in Zukunft der industrielle Klein- und Mittelstand sein. Aber gemessen am Markt stehen wir in Wahrheit noch am Anfang.

Derzeit wird ja über eine Art von Betriebssystem, mit dem alle Roboter arbeiten können, nachgedacht. Und das kann ich mir mit der AGILOX-Plattform sehr gut vorstellen und dass zukünftig andere mit unserem Betriebssystem arbeiten.

Mit der Carlyle Group haben Sie einen potenten Investor im Rücken. Wie steht es um die Expansionspläne – es wurden ja neue Niederlassungen in China und Deutschland erwägt?

Helmut Schmid:
Trotz oder vielleicht auch wegen Corona haben wir ein sehr erfolgreiches 2021 hinter uns. Die Investition von Carlyle ist natürlich auch eine gute Basis für unsere Expansionspläne. Ja, wir arbeiten mit Hochdruck daran, eine eigenständige Niederlassung in China zu eröffnen. Das wird noch im ersten Quartal 2022 passieren – mit hoher Wahrscheinlichkeit in Schanghai. Wir haben die tolle Ausgangslage, dass Dirk Erlacher, einer der Co-Founder, diese Aufgabe in China übernehmen wird. Das ist natürlich super, wenn man einen Co-Founder im größten Automatisierungsmarkt der Welt vor Ort hat. Etwas Ähnliches haben wir auch im Norden Deutschlands vor, um auch Skandinavien und die Beneluxstaaten abzudecken. Den Rest kann man sehr gut aus dem schönen Oberösterreich machen. Aber ja, beide Pläne sind fixiert und wenn uns Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, dann wir das noch im ersten Quartal 2022 umgesetzt.

Das erklärte Ziel bei AGILOX heißt ja: globale Marktführerschaft in Sachen AMR. Wie realistisch ist das aus heutiger Sicht?


Helmut Schmid:
Wenn wir nicht allzu viel falsch machen und die Nasenlänge Vorsprung, den wir heute haben, weiter halten, dann glaube ich, ist es möglich. Man muss natürlich festhalten: Wir werden erst einmal weiterhin vor allem im Produktionsumfeld tätig sein. Es wird vor allem an der Geschwindigkeit des Roll-outs liegen. Denn alle großen Marktteilnehmer sind mit ihren herkömmlichen Produkten bereits heute in den Werken präsent. Wir müssen also einerseits das Vertriebs- und Partnernetzwerk ausbauen und andererseits das Produktportfolio ausbauen. Und ganz ehrlich, wenn man zu Universal Robots schaut, die hatten eine ähnliche Ausgangssituation. Als kleiner Nischenplayer hat sich das Unternehmen zum Platzhirsch entwickelt. Und etwas ähnliches traue ich AGILOX auch zu.

Erst vor einem Jahr wurde der neue Firmensitz in Neukirchen bei Lambach eröffnet. Nun sollen neue Niederlassungen in China und Deutschland eröffnet werden.

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Co-Founder Franz Humer sieht AGILOX primär als Softwareunternehmen. Wie groß ist der Vorsprung zu den Branchenriesen bzw. wie wollen Sie sich in diesem Wettbewerb behaupten?

Helmut Schmid:
Ich glaube, dass die Aussage absolut stimmt. Man braucht mit Sicherheit gute Mechanik – da sind wir auch State of the Art. Aber wo wir wirklich das große Unterscheidungsmerkmal haben und weit vorne sind – das ist die Software und unsere sogenannte Schwarmintelligenz, die schnelle und einfache Inbetriebnahme und das Flottenmanagement. Da sind wir weit vorne und das ist genau der Vorsprung, den wir weiter ausbauen müssen. Alle anderen Wettbewerber sind in Sachen Hardware gut unterwegs – schließlich machen sie das seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten. Aber die Schwarmintelligenz, die Vernetzung und die KI bei der Navigation – da sind wir meines Erachtens ganz weit vorne. Und das ist auch unser USP.

Mit AGILOX-Analytics bieten Sie eine Software an, die an unterschiedliche Clouds anschließbar ist. Wir es in Zukunft ein reines Softwareprodukt von AGILOX geben oder bleibt es bei dem Konzept einer Komplettlösung aus einer Hand?


Helmut Schmid:
Ich persönlich glaube, dass wir ein Komplettlösungsanbieter bleiben werden. Die Integration von Hardware und Software ist ja gerade das entscheidende Unterscheidungsmerkmal. Wenn die Interoperabilität nicht funktioniert, dann hat der Kunde auch nichts davon. Deswegen sollten wir eher schauen, dass wir unsere Systemlösung mit weiteren Services erweitern. Derzeit wird ja über eine Art von Betriebssystem, mit dem alle Roboter arbeiten können, nachgedacht. Und das kann ich mir mit der AGILOX-Plattform sehr gut vorstellen und dass zukünftig andere mit unserem Betriebssystem arbeiten. Gleichzeitig heißt das aber natürlich auch, dass wir weiter an der Hardware arbeiten müssen, damit wir in diesem Bereich nicht austauschbar werden.

Welche technologischen Weiterentwicklungen sehen Sie im Bereich der AMRs kommen?

Helmut Schmid:
Ich sehe für die Zukunft ein Subscription-Modell – es geht in Richtung "Movement as a Service". Man ist also nicht mehr mit großen Investitionssummen konfrontiert, sondern man hat eine Gebühr, in der alle Services enthalten sind – Garantieverlängerung, Predictive Maintenance, Pay per Kilometer, Pay per Pick usw. Das sind die neuen digitalen Geschäftsmodelle, die im Kommen sind.

Mit der "X-SWARM Technology" bietet AGILOX ein System an, das einen Leitrechner überflüssig macht. Die AMRs stehen in direkter Kommunikation, tauschen sich mehrmals pro Sekunde über ihre Position sowie ihren aktuellen Zustand aus und verteilen Aufträge intelligent.

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Als Mitgründer und Vorstand des Deutschen Robotik Verbandes haben Sie sich für die KMUs eingesetzt. Wie groß ist noch die Schwelle für kleine Unternehmen, um in Automatisierung zu investieren und was kann man sich in der Hinsicht von AGILOX erwarten?

Helmut Schmid: Ich glaube, dass die Schwelle für KMUs tatsächlich noch relativ hoch ist. Aber die Eintrittsbarriere wäre eigentlich einfach zu reduzieren. In Europa sind zwischen 90 und 95 Prozent der Unternehmen KMUs. Sie sind in der Regel dezentral unterwegs und die gilt es zu erreichen. Man muss kommunizieren, dass es mittlerweile Technologien gibt, die schnell und einfach zu integrieren sind. Man braucht keinen Programmierer mehr, man kann mit dem Tablet die Inbetriebnahme durchführen …

Und das zweite Thema sind die Kosten. Und da stehen wir uns im Vergleich zu anderen Märkten oft selber im Weg. Wenn heute jemand ein Office-Produkt von Microsoft kauft, dann weiß er genau, was er für sein Geld bekommt. Und das sehe ich im Bereich der Robotik als Zukunftsmodell. Es muss aber noch ein großes Umdenken stattfinden, die KMUs bei uns sind solche Geschäftsmodelle einfach noch nicht gewöhnt.

Ihr Verband hat vor einigen Monaten von der deutschen Politik gefordert, Innovationspotenziale der Robotik stärker zu fördern. Welche Erwartungen haben Sie an die neue deutsche Bundesregierung.

Helmut Schmid: Der deutsche Arbeitsminister Hubertus Heil hat vor Kurzem den Fachkräftemangel im Bereich der Logistik angesprochen. Das ist alles schön und Recht – aber bis 2030 werden uns in Deutschland sechs Millionen Facharbeitskräfte fehlen. Und da hilft mir auch Fort- und Weiterbildung nichts mehr. Wir müssen die Bereiche weiter automatisieren, um die Menschen anders einsetzen zu können. Und die Aussage von Dennis Radtke von der CDU, der eine Robotersteuer gefordert hat, sehe ich als kontraproduktiv – das wäre ein Killer für die Industrie.

Und wie schätzen Sie die Lage in Österreich ein? Hier hat ja die Sozialdemokratie noch vor wenigen Jahren eine Robotersteuer gefordert …

Helmut Schmid: In Österreich kommt das von der Sozialdemokratie, was ich ja irgendwo noch verstehe – in Deutschland fordert das aber die CDU. Und deswegen müssen wir und werden wir als Verband ganz klar Flagge zeigen, dass diese Haltung für die gesamte Gesellschaft kontraproduktiv ist.

Über die Person

Helmut Schmid hat mit dem Jahreswechsel die Funktion des CEO bei AGILOX übernommen und folgt somit dem bisherigen CEO Franz Humer nach. Schmid soll die eingeschlagene Strategie des Unternehmens fortsetzen, um den globalen Marktanteil des AMR-Herstellers weiter auszubauen. Zuletzt war Schmid als Geschäftsführer beim deutschen Cobot-Pionier Franka Emika in München tätig. Auch als Mitgründer und Vorstand des Deutschen Robotik Verbandes und der Robotics Ventures hat sich der studierte Flugzeugbauingenieur einen Namen gemacht.