Portraits 7407Portraits 7442Maßgeschneiderte Entwicklung und Produktion von Embedded-Linux-Lösungen

Das Innviertler Unternehmen Ginzinger electronic systems gilt als Experte und Pionier gleichermaßen. 1991 gegründet, entwickelt und produziert der Komplettanbieter integrierte Hard- und Softwarekomponenten, Leistungselektronik und Microcontroller nach individuellen Kundenwünschen. Geschäftsführer Ing. Herbert Ginzinger und DI Andreas Pfeiffer, Leiter Kundenberatung und Marketing, geben uns einen Einblick in die Welt der Embedded-Linux-Lösungen. Wir erfahren, weshalb es neben einer hohen Produktionsqualität mittels Hightech-Geräten und starker Kundenorientierung auch wichtig ist, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein und die Ausbildung von Nachwuchs-Fachkräften aktiv zu unterstützen.

Herr Ginzinger, der Slogan Ihres Unternehmens lautet »Converting Challenges into Solutions«. Was verbirgt sich dahinter?

Ing. Herbert Ginzinger: Wir verstehen uns als Anbieter individueller Lösungen, die genau an den Bedarf des Kunden angepasst werden. Dabei reicht unser Angebot von einfachen Interface-Baugruppen bis hin zu hochkomplexen Systemen mit Echtzeit-Embedded-Linux-Betriebssystem. Jeder Kunde hat spezielle Anforderungen und natürlich auch unterschiedliche Rahmenbedingungen. Für uns ist entscheidend, dass wir im Idealfall bereits vor der Erstellung eines Pflichtenheftes beratend hinzugezogen werden, damit wir unsere Expertise einbringen können. Durch unsere Erfahrung werden wir als kompetenter Partner wahrgenommen – auch wenn wir manchmal als »Spaßbremse« gelten – denn nicht alles, was der Kunde sich vorstellt, ist realisierbar. Gerade beim Thema Security und möglichen Sicherheitslücken muss man vorsichtig sein. Also kurz gesagt – ein Kunde kommt mit einer Idee und wir entwickeln gemeinsam mit ihm eine Lösung. Dabei entscheidend ist, dass wir auch tatsächlich die Verantwortung von der Idee bis zur Serienproduktion inklusive der Montage und Logistik übernehmen. Unser Anspruch ist es, den Kunden im Embedded-Bereich weitestgehend zu entlasten, damit er sich auf sein Geschäft, auf seine Kernkompetenz konzentrieren kann.

DI Andreas Pfeiffer: Der Aufwand, gerade was den Bereich der Software betrifft, wird im Maschinenbau oder in ähnlichen industrielastigen Bereichen oft unterschätzt. Dabei liegt ein Großteil der Wertschöpfung bei der Software. Wir produzieren Elektronik, aber um ein Produkt heute zu entwickeln, braucht man bereits jede Menge Software. Und um Software auf einem Gerät aufzusetzen, braucht man als Basis ein Betriebssystem, sonst muss man bei jeder Änderung wieder von vorne anfangen. Mit einem Betriebssystem ist es egal, welche Chips verbaut sind. Der Entwickler von dem Gerät, der für die Anwendungssoftware verantwortlich ist, setzt immer auf den gleichen Schnittstellen auf. Alles was sich darunter tut, an Chips, an Treibern, an Betriebssystem-Basis, das ist unsere Geschichte.

Ginzinger: Das Ganze ist natürlich skalierbar, d.h. wir können je nach Anforderung, kleine, kostengünstig Anwendungen realisieren, wir können aber auch Quadcore-rechenintensive und grafikintensive Lösungen anbieten. Das ist eigentlich das, woran wir schon seit 10 Jahren arbeiten. Der Kundennutzen ist, dass wir Komplexität wegnehmen.

Pfeiffer: Wir sehen uns als Entwicklungspartner. Es ist für ein Unternehmen immer gut, wenn man die Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Wir kümmern uns um das Problem des Kunden und vermarkten nicht irgendetwas, das wir fertig in der Schublade haben. Selbstverständlich arbeiten wir auch mit Bausteinen, unserem betriebseigenen »Lego« sozusagen. Anders wären komplexe Lösungen weder termingerecht noch finanziell erschwinglich zu realisieren. Wir haben Kernbausteine vorentwickelt und setzen diese dann entsprechend zusammen. Sowohl im High-end-, als auch im Low-end-Leistungsbereich, je nachdem, was der Kunde benötigt. Und natürlich auch im Microcontroller-Bereich, auch dafür gibt es Lösungen. Mit diesen Bausteinen werden in den meisten Fällen bereits 80–90% abgedeckt, zusätzlich werden dann noch individuelle Anpassungen vorgenommen.

 

Aus welchen Branchen kommen Ihre Kunden?

Ginzinger: Ein großer Teil unserer Kunden stammt aus der Heizungs- und Biomassebranche. Mit unserem Kunden ETA haben wir beispielsweise begonnen, mit Linux zu entwickeln. Dieses Know-how ist später natürlich in »gelin«, in unsere Embedded Linux Distribution, mit eingeflossen und damit bedienen wir auch Kunden aus der Dentaltechnik und aus anderen Bereichen. Um eine wirklich intensive Partnerschaft eingehen zu können, möchten wir möglichst lokal bleiben. Unser Aktionsradius beschränkt sich daher auf Österreich, Bayern und Baden Württemberg.

 

Hat sich durch das Thema Industrie 4.0 in der Produktion für Sie etwas geändert?

Pfeiffer: Für uns ist das kaum relevant. Wir fertigen im Haus natürlich schon Industrie 4.0-nahe, aber dort sind wir mittlerweile bei Industrie 5.0, wobei das für uns eigentlich Industrie 3.0 bedeutete. Ich glaube, dass man es mit Industrie 4.0 auch übertreiben kann. Wir haben hier wirklich alles gemacht, Big Data, Auswertungen und Analysen, mit allem Drum und Dran. Und doch sind wir mittlerweile der Überzeugung, dass es besser wäre, einen Schritt zurück zu gehen. Das, was wir damit an Informationsgewinn bekommen, ist den Aufwand der Datenerfassung nicht wert. Ohne qualifizierte Mitarbeiter in den einzelnen Produktionsprozessen wird es nicht gehen. In der Industrie hat man natürlich die Tendenz, so viel wie möglich automatisieren zu wollen. Wir im Hause haben jedoch eine high-mixed Produktion, d.h. wir können unsere Produktion gar nicht so standardisieren, dass alles nur mehr die Automaten und Maschinen machen. Wir brauchen trotzdem vor der Maschine Menschen, die denken – darum wird man auch in Zukunft nicht herum kommen.

Ginzinger: »Artificial intelligence« ist ein wesentlicher Faktor bei Industrie 4.0 – aber »natural intelligence« wäre viel wichtiger!

 

Wie stellt sich das seitens der Kunden dar? Gibt es spezielle Anforderungen diesbezüglich?

Pfeiffer: Das Ganze bringt nur etwas, wenn es einen klaren Nutzen für den Kunden hat. Durch die Vernetzung von Daten und die Informationen, die dadurch gewonnen werden, haben Kunden die Möglichkeit, diese Daten zu analysieren und vielleicht ihr Geschäftsmodell entsprechend zu adaptieren. Die Möglichkeiten reichen von pay-per-use über Datenaustausch zwischen einzelnen Maschinen, Wartungsanalysen, etc. Kritisch wird es aber immer dann, wenn sicherheitsrelevante Anforderungen bestehen – da werden schnell Grenzen aufgezeigt.

Ginzinger: Wir merken das oft in Kundengesprächen. Technisch ist ja alles möglich. Jeder redet heute über Vernetzung. Wir wissen zwar noch nicht genau, was wir damit tun werden, aber vernetzen sollte man es auf jeden Fall schon mal ...

 

Ist Industrie 4.0 also doch keine Revolution?

Ginzinger: Eine Revolution kann man immer erst in der Retrospektive erkennen. Als die Dampfmaschine erfunden wurde, hat auch niemand gesagt: „Das wird jetzt eine Revolution!“, sondern das ist eben einfach entstanden. Industrie 4.0 ist eine Kombination aus Rechenleistung auf geringstem Raum, Vernetzung, Netzwerkkapazität, künstlicher Intelligenz, Datenanalyse in der Cloud und den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Das alles lässt sich superfein kombinieren und man kann Anwendungen dazu entwickeln, die man sich früher nie hätte vorstellen können. Aber ob es der Markt letztendlich annimmt, bleibt die große Frage. Da trauen viele sich einfach noch nicht drüber.

Aber man hat natürlich Nachweispflichten, speziell bei Kunden aus der Sicherheits- oder Medizintechnik. Sobald ein Problem auftritt, geht es ja auch um Produkthaftung. Dann ist es natürlich gut bzw. wird das von manchen Kunden auch explizit verlangt, dass man nachweisen kann, was in der Produktion mit genau dem Produkt mit dieser Seriennummer passiert ist. Welche Bauteile sind da verbaut worden, mit welchem Lötprofil ist das Ganze gefahren worden, welches Bild hat das AOI aufgenommen und wie hat das fertige Teil am Ende ausgesehen.

 

Sie setzen in der Produktion modernste Technik ein, welche Neuerungen gibt es da?

Pfeiffer: Wir werden demnächst ein neues Gerät zum Einsatz bringen, einen sehr leistungsfähigen Fuji-Bestücker. Das ist technologisch das Feinste, das man im Augenblick kaufen kann. Mit einer sagenhaften Präzision und einem Durchsatz, mit dem wir die nächsten Jahre locker auskommen werden.

Ginzinger: Auch in Produktion und Entwicklung setzen wir auf modernste Technologien, damit wir die hohe Qualität gewährleisten können. Wir haben in der Produktion z.B. ein Gerät im Einsatz, eine KohYoung Zenith 3D AOI, mit der die Bauteile und Lötstellen exakt in 3D vermessen werden. Im Vergleich zur 2D-Inspektion, sind für dieses System auch Herausforderungen wie Bauteilabschattungen, Verwölbungen der Leiterplatte oder verschiedene Bauteillieferanten kein Problem. Oder auch Oszilloskope in der Entwicklung im Wert eines kleinen Einfamilienhauses – wenn man Gigahertz-Design machen möchte, dann braucht man auch die Mittel dazu, die das ermöglichen. Es macht unseren Mitarbeitern natürlich auch Spaß, mit so hochwertigem Werkzeug arbeiten zu können.

 

Ein gutes Stichwort. Zum Geschäftserfolg leisten nicht nur modernste Maschinen, sondern vor allem auch die Menschen im Unternehmen einen wertvollen Beitrag. Wie setzt sich das Team von Ginzinger zusammen?

Ginzinger: Wir sind im Moment 88 Mitarbeiter, fünf davon in unserer Außenstelle, dem Büro Linz. Es gibt mittlerweile einen erweiterten Führungskreis, denn ich werde ja nicht ewig im Unternehmen selbst tätig sein können. Die Strategie und die eingeschlagene Richtung soll natürlich weitergeführt werden und da ist es wichtig, rechtzeitig die Verantwortung und die Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Wir haben also eine zweite Ebene eingezogen, es gibt für jeden Bereich einen Bereichsleiter, auch um zu gewährleisten, dass wir das zu erwartende Wachstum beherrschen. Dieses prognostizierte Wachstum besteht zu einem großen Teil aus Entwicklungen, die wir bereits in der Pipeline haben. Wir auch gerne noch den einen oder anderen (Hardware-)Entwickler einstellen – leider ist der Fachkräftemangel gerade in diesem Bereich eklatant. Es wird deshalb auch immer wichtiger, als potenzieller Arbeitgeber attraktiv zu sein. In enger Zusammenarbeit mit der HTL Braunau sowie einschlägigen Fachhochschulen versuchen wir z.B. durch das Betreuen von Diplomarbeiten und das Halten von Vorträgen auch das Thema Linux besser zu etablieren. Wir bieten Ferialpraktika an und laden interessierte Schüler und Studenten ein, sich vor Ort ein Bild von der Arbeit, die sie in Zukunft erwarten könnte, zu machen.

Pfeiffer: Das Mitarbeiter-Marketing wird immer wichtiger. Dadurch, dass bei uns die Arbeit abwechslungsreich und das Aufgabengebiet sehr heterogen ist, sind unsere Mitarbeiter hoch motiviert. Anders, als wenn man immer nur für einen Teilbereich verantwortlich wäre, haben sie zu jedem fertigen Produkt einen direkten Bezug und damit laufend Erfolgserlebnisse. Außerdem arbeiten unsere Entwickler sehr eng mit dem Kunden zusammen, das ermöglicht kurze Wege und ein autarkes Arbeiten. Es kommt aber dennoch vereinzelt vor, dass sogar Kunden unsere Mitarbeiter abwerben.

Ginzinger: Das muss man sportlich sehen. Einerseits haben wir dann einen weiteren, kompetenten Ansprechpartner bei unserem Kunden sitzen und andererseits ist das wohl der beste Beweis für die Qualität und Qualifikation unserer Mitarbeiter!

Wir danken den Herren für das Gespräch!

www.ginzinger.com