Covid-19

Wie wirkt sich das Coronavirus auf die Automatisierungsbranche aus?

Wie passen sich Automatisierer an die Corona-Krise an? Welche Rolle spielen sie dabei? Funktioniert der Betrieb nach wie vor? AUTlook hat nachgefragt.

Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf die Automatisierungsbranche?

Binnen kurzer Zeit hat sich das wirtschaftliche Umfeld der Industrie -  seien es unterbrochene Lieferketten, geschlossene Produktionsstätten oder die abkühlende Konjunktur - grundlegend verändert und Unternehmen mussten mindestens genauso rasch Maßnahmen setzen. Im Februar sagten bereits zahlreiche Aussteller ihre Teilnahme von wichtigen Branchentreffs und konventionellen Messen – wie der All about automation, der Hannover Messe und der Smart Automation Austria – ab und nach und nach wurden diese verschoben oder abgesagt. Mittlerweile verlagern sich die Messen in die virtuelle Welt, um Produktnews von Ausstellern zu präsentieren, sich auszutauschen oder einen digitalen Messebesuch zu ermöglichen. 

Der AMA Verband für Sensorik und Messtechnik veröffentlichte kürzlich die Zahlen der Branche vom letzten Jahr: Die Sensorik und Messtechnik verzeichnet im Jahr 2019 ein Umsatzminus von einem Prozent. Die Investitionen stiegen um vier Prozent, die Exportquote sank um vier Prozentpunkte. Die Exportquote ins europäische Ausland blieb stabil bei 28 Prozentpunkten, wohingegen der Export ins nicht europäische Ausland in Folge abnimmt. Dass der Export mit der derzeitigen Corona-Epidemie noch weiter abnehmen wird und die Branche sich im Abschwung befindet, möchte niemand noch genau voraussagen. 

Für das laufende Geschäftsjahr rechnet die Branche zwar mit einer positiven Entwicklung von fünf Prozent Umsatzwachstum, aber auch diese prognostizierten Zahlen werden sich womöglich nicht halten lassen. Wie reagieren Unternehmen auf die Corona-Misere abgesehen von der Organisation von virtuellen Messen?                                                                                   

White Paper zum Thema

So trifft das Coronavirus Unternehmen

Bei Beckhoff Automation wurden bislang zwei Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet: Eine Mitarbeiterin in Israel, ein Mitarbeiter in Nordrhein-Westfalen. Beide Personen befinden sich in häuslicher Quarantäne, in Israel befinden sich zwei weitere Beckhoff-Mitarbeiter wegen potenziellem Kontakt mit Infizierten in Selbstisolation. In Österreich ist ein Mitarbeiter unter behördliche Quarantäne gestellt worden, da die Möglichkeit einer indirekten Ansteckung durch einen Besuch in einer Arztpraxis besteht. Als Vorsorgemaßnahme wurden in den deutschen Betrieben 20 weitere Mitarbeiter in eine unternehmensseitig angeordnete Quarantäne geschickt. Diese Mitarbeiter werden von den Behörden nicht als kritisch eingestuft, könnten aber mit Virusträgern in Kontakt gekommen sein. Die wirtschaftliche Funktion von Beckhoff sei in jedem Land weiterhin stabil und fast ohne Beeinträchtigung gegeben. Das Unternehmen hat Funktionen und Prozesse den geänderten Randbedingungen angepasst. So werden 80 Prozent der Arbeitsplätze in das Home-Office verlagert. Alle Produktions-, Lager- und Lieferfunktionen sollen durch räumliche und zeitliche Trennung sowie viele Hygienemaßnahmen gesichert werden.

Weidmüller bestens vorbereitet

Bei dem Verbindungstechnikunternehmen Weidmüller gebe es derzeit weder personelle noch wirtschaftliche Auswirkungen. Kurzfristig werden sich aber aufgrund von Produktionsschließungen im Industriebereich Rückgänge ergeben. Genauer quantifizieren lässt sich das allerdings aktuell wohl für niemanden. „Wir haben in unseren Produktionen in Europa bereits frühzeitig diverse Maßnahmen treffen können. Durch die Erfahrungen in unserem Werk in China konnten wir schnell effiziente Richtlinien in unseren Werken in Europa implementieren“, so Wolfgang Weidinger, Geschäftsführer von Weidmüller. Das Vertriebsbüro in Österreich wurde am Freitag vorvergangener Woche gänzlich auf Home-Office-Betrieb umgestellt, sodass österreichweit für Kunden gearbeitet werden kann. Das Arbeiten von Zuhause aus funktioniert einwandfrei, auch, wenn sich anfangs ein paar kleine technische Anlaufschwierigkeiten ergeben hatten, die aber binnen kurzer Zeit behoben wurden. Da das Unternehmen frühzeitig Maßnahmen ergriffen hat und bestens vorbereitet war, ist es seit Montag wieder im Normal- bzw. Vollbetrieb. Das COVID-19-Paket der Bundesregierung sehe man bei Weidmüller durchwegs positiv. „Es ist erfreulich zu sehen, dass in Krisenzeiten in kürzester Zeit richtige Entscheidungen getroffen und Hilfspakete geschnürt werden,“ fährt der CEO fort.

Wolfgang, Weidinger © Weidmüller

Wolfgang Weidinger, Geschäftsführer von Weidmüller

Phoenix Contact im Home-Office

Zur Eindämmung des Virus wurde auch der Geschäftsbetrieb von Phoenix Contact auf Home-Office umgestellt und Dienstreisen auf die Aufrechterhaltung kritischer Infrastruktur reduziert. Da das Produktionsnetzwerk von Phoenix Contact global aufgestellt ist und die Produkte an mehreren Standorten parallel hergestellt werden, hat die Corona-Pandemie derzeit keinen großen Einfluss auf die Lieferketten. Die Produktsubstitution sei außerdem ein geeignetes Mittel, um allfällige Lieferengpässe bei einzelnen Artikeln auszugleichen. 

ZVEI gegen Produktions-Shutdown

Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie ist überzeugt, dass der Kampf gegen das Coronavirus gerade auch in diesen Tagen eine leistungsstarke und produzierende Industrie voraussetzt. „Um die Pandemie-Notfallpläne umzusetzen, müssen unsere Medizintechnik-Unternehmen weiter produzieren können“, erklärt ZVEI-Präsident Michael Ziesemer. „Das setzt voraus, dass die Lieferketten und Logistik gewährleistet und die Belegschaften weiterhin in die Unternehmen kommen können.“

Michael, Ziesemer, ZVEI © ZVEI

Michael Ziesemer, Präsident des ZVEI

Der ZVEI Zentralverband reagiert damit auf Stimmen, die ein Herunterfahren der europäischen Industrieproduktion nach chinesischem Vorbild fordern. „Wir brauchen jetzt mehr Beatmungsgeräte, mehr Computertomographen und vieles andere mehr und nicht weniger“, so Ziesemer weiter. „Unsere Automatisierer beispielsweise sorgen mit dafür, dass die Produktion in Pharmazieunternehmen nicht ins Stocken gerät.“ Ein grundsätzliches Herunterfahren der Industrie wäre deshalb nicht zielführend. „In dieser schwierigen Situation will die Industrie einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten.“ An Unternehmen appelliert er, höchste Schutzmaßnahmen für die Belegschaften zu ergreifen. „Die Sicherheit jedes Einzelnen ist selbstverständlich auch in der Produktion zu gewährleisten.“ Dazu gehöre auch, dass der derzeit notwendige Mindestabstand voneinander gewahrt werden müsse.

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