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SPS 2019: Let’s get together and steal each others Songs!

Warum die Strategien der Automatisierungsriesen an Johnny Cash und Willie Nelson erinnern, und wieso OPC UA zur Dur-Tonlage für die industrielle Kommunikation werden soll.

Johnny Cash und Willie Nelson haben 1998 eine gemeinsame Live-CD namens „VH1 Storytellers“ herausgebracht. Auf der hier aufgezeichneten Session spielen sich die beiden Altmeister mit entspannter Freude durch den eigenen Werkskatalog ebenso wie kreuz und quer durch das Great American Songbook. An einer Stelle entspinnt sich ein launiger Dialog über die gegenseitigen Befruchtungen zwischen Musikern, die Übernahme von Ideen der anderen, die sie in ihre Kompositionen einfließen lassen, und die dadurch entstehenden „Copyright Infringements“. Willie Nelson löst die Plauderei zur Erheiterung seines Bühnenfreundes und des Publikums mit einem Zitat eines anderen Musikerkollegen auf, der dazu einst vorgeschlagen habe „Let’s all get together and steal each others Songs“.

Dieses Zitat ist mir am zweiten Tag der diesjährigen SPS in Nürnberg plötzlich durch den Kopf geschossen. Auf dieser Weltleitmesse der Automatisierungstechnik nutzen die großen Hersteller traditionell die Gelegenheit, die Ausrichtung ihres Unternehmens vorzustellen und die Richtung vorzugeben, in die sie ihre Produktportfolios und die Welt der Automatisierungstechnik weiterentwickeln wollen. Heuer schien es mir fast, als hätten alle so lange voneinander Ideen geklaut, bis die Strategien einander fast aufs Wort gleichen. So gut wie jeder Anbieter wird nämlich vom Komponentenlieferanten zum Komplettanbieter. Selbstverständlich geht es immer darum, nicht nur die gesamte Smart Factory vom Sensor bis in die Cloud samt Hard- und Software aus einer Hand anzubieten, sondern auch als Beratungsdienstleister maßgeschneiderte Lösungen für die Kunden im Köcher zu haben. Und natürlich will man auf gemeinsame, offene Standards setzen, die die durchgängige Verarbeitung der Daten vom Shopfloor bis ins ERP-System ebenso ermöglicht wie Kompatibilität aller in Zukunft angebotenen Geräte miteinander. Egal ob die Unternehmen ursprünglich von der Steuerungs- oder der Antriebsseite kommen, von der Visualisierung oder der Prozessinstrumentierung, von Namur oder von Homer: Alle sagen, sie können die digitale Fabrik von morgen komplett in einem Stück liefern. Das sind in der Regel nicht bloß Behauptungen – die ersten Produkte dafür sind auch da und wurden auch gezeigt. Die Produktportfolios sind tatsächlich so breit geworden, dass das möglich scheint.

Die zentrale Rolle dabei nimmt OPC UA ein: Dieser Standard für Maschinendaten scheint tatsächlich so etwas wie die Tonart „Dur“ in der Musik zu werden. Nach diesem Standard will die gesamte Branche in Zukunft ihre Lieder. Nur bis es soweit ist, hält sich jeder noch seine eigenen, differnzierten in der Branche und bei seinen Kunden etablierten Molltöne in petto.

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Die letzte Nummer, die Johnny Cash und Willie Nelson auf jener Aufnahme spielen, ist On the Road again, ein einst für den Oscar als beste Filmmusik nominierter Song. Darin kommt die schöne Zeile vor „We are insisting that the World keep turning our Way“. Die Aussteller der SPS, die großen Automatisierungs-Anbieter, sie bestehen darauf dass sich die Welt in ihre Richtung drehen möge. Tut sie das auch? Ich denke schon. Aber um das zu überprüfen, muss die nach der Tonart OPC UA geschriebene Musik erst noch ordentlich auf die Straße gebracht werden.

PS: Soviel zu einer ersten, spontanen "Nachtkritik" nach zweieinhalb Tagen Messegeschehen. Detailliertere Analysen werden folgen. Aber haben sie auch einen Eindruck von der Leitmesse mitgenommen, den sie mit mir teilen wollen? Egal ob es musikalischer, technischer oder strategischer Natur ist, ich freue mich über Ihre Nachricht: klaus.paukovits@industriemedien.at

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