Pilz

Roboter hat es schon immer gegeben

Warum Sicherheitsspezialist Pilz jetzt einen Serviceroboter im Programm hat und für Österreich-Geschäftsführer Walter Eichner in der kommenden Industrie 4.0 trotzdem ganz andere Herausforderungen entscheidend sind.

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Die Aussteller der Smart Automation haben sich für die Messe, für den Veranstalter Reed und gegen das Konzept IA4X ausgesprochen, das 2019 eine Konkurrenzveranstaltung in Wels vorgesehen hätte. Pilz-Chef Walter Eichner über die Weiterentwicklung von Messe und Automatisierungsbranche, über veränderte Angriffsszenarien in der Industrie 4.0 und über Fehlentwicklungen bei der Blockchain. 

Weiterentwicklung der Smart Automation

Die Automatisierungsbranche brummt wie selten zuvor, die Auftragsbücher sind voll. Eigentlich wäre das ein guter Zeitpunkt, sich zufrieden zurückzulehnen und alles so zu lassen wie es jetzt erfolgreich ist, oder?

Eichner: Und genau das passiert natürlich nicht. Es muss permanent investiert werden, um die Zukunft aktiv gestalten zu können. In Hinblick auf die Smart Automation bedeutet das beispielsweise, dass innovative kleine Unternehmen und Start-ups die Möglichkeit brauchen, sich der Branche zu präsentieren. Wir werden uns daher genau anschauen, wie viele der Unternehmen von der Warteliste wirklich interessiert sind und welchen Beitrag sie zur Entwicklung der Branche leisten.

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Wie sehen Sie als langjähriges Mitglied des Messe-Fachbeirats die Zukunft der Smart Automation?

Walter Eichner: Wie bekannt ist, gab es den Versuch eines alternativen Anbieters, im selben Zeitfenster 2019 eine thematisch ident gelagerte Fachmesse zu etablieren. Dieses Konzept gibt es und wurde der Branche vorgestellt. Die im Fachbeirat vertretenen Unternehmen haben dem aber eine Absage erteilt und sich klar zum Veranstalter Reed und zur Smart Automation bekannt.

Was heißt das konkret?

Eichner: Konkret heißt das, dass die Smart Automation 2019 wie gewohnt im Design Center Linz stattfinden wird. Der Veranstalter Reed nimmt den Auftrag mit, sowohl im infrastrukturellen Bereich als auch in punkto Verkehrslogistik Verbesserungen vorzunehmen, also zum Beispiel für mehr Ausstellungsflächen und mehr Parkplätze zu sorgen.

Wenn 2019 damit fixiert ist, wie soll es danach weitergehen?

Eichner: Nach der Smart in Linz werden wir alle Erfahrungen zusammentragen und weitere Maßnahmen ableiten. Für mich ist klar, dass eine derart starke Marke wie die Smart Automation unbedingt fortgeführt werden muss, das ist auch ein klares Commitment für Reed Exhibitions als Veranstalter. Als Geschäftsführer von Pilz Österreich könnte ich mich zurücklehnen und zufrieden sein, denn wir haben im Design Center einen fixen Standplatz. Als Fachbeirat muss ich aber die gesamte Branche im Auge behalten, die Interessen der kleineren Aussteller und jener, die keinen Platz bekommen und auf einer Warteliste stehen, ebenfalls berücksichtigen. Es geht um eine Weiterentwicklung der Messe, die der Fachbeirat erfolgreich mitgestalten möchte.

Neue Angriffspunkte durch das Internet of Things

Pilz hat als Spezialist für Sicherheit in der Automation jetzt erstmals einen Roboter ins Programm aufgenommen und geht damit einen Weg, den viele gehen – den Weg zum Komplettanbieter. Ist das ein Beispiel für die Weiterentwicklung?

Eichner: Roboter hat es schon immer gegeben. Der Grund für diese Entscheidung ist ein anderer: Früher musste der Mensch vor dem Roboter geschützt werden, zuerst durch mechanische Trennung, später vorrangig durch sensorische Abschottung. Mit dem Voranschreiten von Industrie 4.0 drängt sich der kollaborative Roboter in den Vordergrund. Das Zusammentreffen mit dem Menschen am Arbeitsplatz verändert die Anforderungen an die Sicherheit. Darum haben wir einen Service-Roboter ins Programm aufgenommen, der für Trainings & Schulungen und speziell auch für den Bereich Forschung & Entwicklung gedacht ist.

Welche Herausforderungen für die Sicherheit ist es, wenn auch kleinere und kleinste Produktionsunternehmen erste Roboter kaufen?

Eichner: Ein Unternehmen, das beschließt einen Roboter einzusetzen, muss die Applikation, in die der Roboter integriert wird, einem Konformitätsbewertungsverfahren unterziehen. Denn Roboter sind unvollständige Maschinen. Das ist die erste Herausforderung. Weiters wird es zunehmend zunehmend darum gehen, die Roboter vor den Menschen zu schützen. Das Internet of Things bietet völlig neue Angriffspunkte für Menschen mit krimineller Energie, auf die Maschinen Einfluss zu nehmen und Sabotage zu treiben. Darum ist das neue Angebot hier auf der Smart, die Sonderschau C4I mit ihrem IT-Fokus, so wichtig: Weil Cybersecurity immer wichtiger werden wird und wir darauf reagieren müssen. Der Fachbeirat ist sich dieses Themas bewusst und behält das bei der Weiterentwicklung der Messe im Auge.

Der Fachbeirat der Smart Automation ist das höchstrangigste Gremium in der heimischen Automatisierungsbranche, wussten Sie das? Das ist eines der ersten Dinge, die mir in dieser Branche aufgefallen sind: Dass es keine strukturierte Interessensvertretung gibt, wie sie sonst überall üblich ist. Warum eigentlich nicht?

Eichner: Ich vermute einmal, dass es zuallererst an unserem jugendlichen Alter liegt. Andere Berufsgruppen gibt es seit hundert Jahren oder noch länger, während die Automatisierung und allgemein die Mechatronik erst in den letzten 30 Jahren entstanden sind. Die Notwendigkeit eines offiziellen Verbands wurde seither offenbar nie verspürt. Vielleicht braucht es so etwas in Zukunft, wer weiß? Andererseits, was sollte das verbessern? So wie ich meine Branchenkollegen erlebe, steht für uns alle die „Logik der Funktion“ im Vordergrund. Das bringt einen hohen Grad an Einigkeit, und wenn es einmal nicht so sein sollte, wird das sachlich ausdiskutiert. Das ist vermutlich wirklich ein Spezifikum der Automatisierer.

Blockchain geht an Freund, Feind und Steuergesetzen vorbei

Neue Technologien in der Automatisierung wecken vielerorts Befürchtungen, aber auch Hoffnungen. Wie gehen Sie damit um?

Eichner: Die Folgen der Automatisierung machen vielen Bürgern Angst. Doch der Wandel bringt auch Gutes: Denn die neuen Möglichkeiten fördern das Verantwortungsbewusstsein. Seit der Jahrtausendwende befinden wir uns in einer dynamischen Neukonfiguration technischer Strukturen. Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, aber man muss dem Alten die Gelegenheit geben, harmonisch auslaufen zu lassen. Außerdem ersetzt Industrie 4.0 ja nicht die ersten drei Stufen der industriellen Revolution, sondern baut auf diesen auf. Die Entwicklung wird nicht in zwei Jahren abgeschlossen sein, sondern sie beginnt erst und wird uns über Jahrzehnte hinweg begleiten –so wie die erste industrielle Revolution, die nicht mit der Erfindung der ersten Dampfmaschine abgeschlossen war, sondern eine lange Entwicklung angestoßen hat. An deren Ende standen mehr Wohlstand und sicherere Arbeitsplätze für die Gesellschaft.

Worauf wird es ankommen, ob die Entwicklung positiv verlaufen wird?

Eichner: Es wird darum gehen, nicht am Menschen vorbei zu Automatisieren und zu Digitalisieren. Nehmen Sie die Entwicklung der Blockchain-Technologie: Wenn das so kommt wie es den Early Adapters vorschwebt, hebelt diese Technologie ganze Dienstleistungsketten aus und ersetzt gewachsene Systeme des Vertrauens durch Datenbanken. Da wird ein System an Freund, Feind und Steuergesetzen vorbei entwickelt – und das kann nicht das Ziel sein. Steuern haben ja einen Sinn, damit werden Leistungen finanziert, die allen zu Gute kommen. Daher wird es Regularien brauchen, damit auch diese Technologie im Dienst der Zivilisation zum Einsatz kommen kann und nicht daran vorbei. Aber den technologischen Fortschritt aufhalten, das kann man nicht und soll man auch nicht.

Regularien hinken dem technologischen Fortschritt immer hinterher. Was macht Sie so optimistisch, dass das klappen wird?

Eichner: Ich habe viel Vertrauen in uns Menschen. Dass wir uns selbst disziplinieren und mit den neuen Tools, die derzeit im Entstehen sind, verantwortungsvoll umgehen werden, davon bin ich überzeugt – zumindest in Europa!