Dietmar Buxbaum ist Geschäftsführer von Buxbaum Automation und Experte für alle Themen rund um industriellen Kommunikation, Identifikation, Bildverarbeitung und Automatisierung.

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OPC UA over TSN: Wo bleibt der Anwender?

Die Steuerungshersteller sind sich einig, dass OPC UA over TSN der zukünftige Standard der industriellen Kommunikation sein soll. Aber brauchen wir das wirklich? Was passieren muss, damit der Hype nicht scheitert.

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IoT und IIoT, Industrie 4.0, Robotik und Digitalisierung: Alles Schlagworte, die die Zukunft quasi schon gepachtet haben. Dazu hat sich in den letzten Jahren als Basistechnologie zur Datenübertragung der OPC UA Standard etabliert. Und jetzt kommt auch noch TSN. Aber brauchen wir das wirklich?

Jetzt werden Sie vermutlich überrascht sein, dass gerade ich mir diese Frage stelle. Ich habe bereits im Jänner 2010 die erste Kolumne zu OPC UA geschrieben. Danach habe ich Sie ein bis zwei Mal pro Jahr zu diesem Thema am laufenden gehalten. Fünf Jahre später, im Jahr 2015, folgte der erste Beitrag zum Thema TSN. Es ging darum, Ethernet echtzeitfähig zu machen, zunächst einmal um Audio- und Videoübertragungen in Echtzeit zum Endverbraucher. Nun ist diese Technologie bereit, bis ins Feld getragen zu werden – und schon wird das Ende des Feldbus-Krieges ausgerufen. Aber gab oder gibt es diesen „Krieg“ denn wirklich?

Den Feldbuskrieg gab es nie

Natürlich gibt es eine Reihe von verschiedenen Feldbussystemen, die sich jeweils um ihren Markt bemüht haben. Um scheinbar erfolgreicher zu sein, wurden die Protokolle geöffnet, und drumherum eine Vereinigung gegründet, die sich dann um die Weiterentwicklung kümmerte. Der erste, der dies durchgeführt hat, hatte einen Marktvorteil. Bis „alle“ das gleiche gemacht haben. Das Spiel wiederholte sich mit der ISO Normierung. Bis praktisch alle normiert waren. Anwender konnten daraus keine wirkliche Entscheidungsgrundlage herausfiltern. Kunden haben sich daher fast immer für einen mehr oder weniger prominenten Steuerungslieferanten entschieden und weniger für eine ganz bestimmte Technologie. Der gewählte Steuerungslieferant hatte es in der Hand, welchem Feldbussystem er sich mehr zugewandt hat. Ein „Krieg“ der Feldbusse hat aus meiner Sicht daher nie stattgefunden. Jedes der bestehenden Feldbussysteme, ob Ethernet oder nicht, hat seine Berechtigung und vor allem auch seine Kunden und seine spezifischen Anwendungsbereiche gefunden. Die Herausforderung für Anwender begann, wenn sie sich anwendungsspezifisch für verschiedene optimale Systeme entschieden hatten und diese dann zusammen schalten wollten. Dafür gab es aber meist eine Lösung über Protokollwandler bzw. Gateways.

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Das Service entscheidet

Doch wirklich problematisch wurde es erst, wenn die verschiedenen Systeme an die Serviceabteilungen übergeben wurden. Das Servicepersonal wird sich meist nur um ein System wirklich kümmern können. Wie alle Systeme gleichermaßen vollumfänglich und gut in Schuss zu halten sind, dieses Wissen liegt in kaum einem Unternehmen vor. Eine Wartung mit möglichst einfachen oder auch nur den vorhandenen Mitteln, noch dazu mit immer weniger Personal, muss daher aus dieser Sicht das Ziel sein. In Zeiten von Fachpersonalmangel und Know-how-Lücken sollte das höchste Priorität genießen. Hier kann man den wahren Vorteil einheitlicher Feldbustechnologien erkennen. Eine einheitliche Wissensbasis für den Sensor im Feld genauso wie bei der Ankopplung an die Cloud: Das klingt doch vielversprechend! 

Die OPC Foundation hat für diese Vision die Initiative „OPC UA incl. TSN down to field level“ gegründet und hofft, damit diese fast kühne Vorstellung Realität werden zu lassen. Es sind alle großen und wichtigen Steuerungshersteller mit dabei. Man kann Stefan Hoppe, Präsident der OPC Foundation, nur gratulieren. Vermutlich erstmalig in der Geschichte der Industriekommunikation ist es gelungen, dass alle großen Steuerungshersteller an einem Strang ziehen. Da untertreibt er wohl nicht, wenn er von den „United Nations of Industrial Communication“ spricht.

Den Anwender mitnehmen

Aber fehlt da nicht jemand? Wo ist in dieser „UNO“ der Anwender? Es ist zwar fein, wenn man die beste und vielleicht sogar „einheitlichste“ Technologie anbietet: Aber wenn sie keiner kauft, hat auch niemand etwas davon. Dann könnte das einer der Hypes werden, der scheitert, wie es das in der Vergangenheit schon mehrmals gegeben hat. Es wird daher viel davon abhängen, ob die Anwender mitgenommen werden oder ob der Bogen von den Herstellern vielleicht doch überspannt wurde. Die Chancen für OPC UA over TSN stehen nicht schlecht, derzeitige inkompatible Feldbussysteme zu ersetzen. Die Grundvoraussetzungen sind gegeben. Bis zum vollumfänglichen Einsatz, wie es sich die OPC Foundation vorstellt, wird es jedoch noch mehrere Jahre dauern. Zentral ist es, die Anwender bei jedem Technologieschritt mitzunehmen. Sonst wird das mit der TSN, Industrie
4.0, IIoT usw. nichts.