Interview

Mir persönlich ist egal wann die SMART Automation stattfindet

Abgesagt, verschoben, zusammengelegt: Beckhoff-Geschäftsführer Armin Pehlivan über die Automatisierungsszene im Intertool-Verbund, virtuelle Messeversuche die die investierte Zeit nicht wert sind und den aktuellen Auftrags-Tsunami.

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Fachmesse Smart Automation Beckhoff Coronavirus Interview Intertool

Am Wiener Messegelände hat es sich ausgesmartet: 2022 ist die Automatisierungsfachmesse als Tandem mit der Intertool in Wels geplant.

Fachmessen sind ein entscheidendes Instrument im Marketing-Mix. Sie bieten vor allem den Raum, sich mit Branchenkollegen auszutauschen, zufällig auf spannende Innovationen zu stoßen oder über einem Paar Würstel neue, gewinnbringende Kooperationen auszuhandeln. Alle zwei Jahre ist das auch in Linz der Fall, denn wie heißt es so schön: in Linz beginnt’s. Heuer allerdings erst etwas später. Denn – und das haben wir mittlerweile alle viel zu oft gehört – diesmal ist einiges anders. Die Smart Automation Messe wurde Pandemie-bedingt vom Frühjahr in den Herbst verschoben und für kommendes Jahr steht sogar eine Zusammenlegung der Smart mit der Intertool im Raum - in Wels soll dazu ein neuer Fachmesse-Cluster entstehen, der die Wiener Ausgabe der Smart Automation 2022 ablösen soll.

AUTlook hat dazu ein Gespräch mit Armin Pehlivan geführt. Er ist nicht nur der Geschäftsführer von Beckhoff in Österreich, sondern auch Vorsitzender im Messefachbeirat der Smart Automation - und für klare Aussagen bekannt. 

Präsenzveranstaltung im Herbst

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AUTlook: Herr Pehlivan, die Smart Automation Messe findet nun anstatt im Mai, erst im Oktober dieses Jahres statt. Was halten Sie von der Verschiebung in den Herbst?

Armin Pehlivan:  Alle Fachbeiräte wurden in einem persönlichen Gespräch vorab darüber informiert, dass die Option einer Verschiebung im Raum steht und nach ihrer Meinung dazu gefragt. Mir persönlich ist egal, wann die Messe stattfindet. Egal ob im Mai oder im Herbst, sofern es nach den gesetzlichen Richtlinien abläuft. An dem Tag an dem die Messe stattfindet, freue ich mich an der Messe teilnehmen zu können. Nach Gesprächen mit Kollegen zu urteilen sehen die das ähnlich. Die Verschiebung war ja auch keine wirkliche Überraschung. Die richtig großen Messen, wie die Hannover Messe beispielsweise, wurden ja schon abgesagt. Die Hannover Messe mit bis zu 700.000 Besuchern abzusagen und dann unsere Linzer Messe mit 6.000 Besuchern durchzuführen wäre realitätsfremd gedacht.

Wir haben alle keine Glaskugel zuhause, aber glauben Sie, dass die Messe im Oktober durchführbar ist? Das Messegeschehen im Design Center Linz ist ja doch eher sehr kuschelig?

Armin Pehlivan: Ich bin weder Infektiologe, noch Messeausrüster als solcher, aber ich kann sagen: Wenn eine Möglichkeit besteht, die gesetzlichen Rahmenbedingungen einzuhalten, dann wird die Messe auch durchgeführt. Sollten Messen verboten sein, dann natürlich nicht. Die Messeorganisation auf immer wechselnde Rahmenbedingungen anzupassen oder gar schlussendlich doch noch aufgrund eines Veranstaltungsverbots abzusagen ist allerdings eine große Unsicherheit für alle Beteiligten. Das Ganze wird also sicher noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden. Ich gehe jedoch stark davon aus, dass wir die Messe noch dieses Jahr als Präsenzverantaltung durchführen werden und sich die Pandemielage mit Fortschreiten der Impfungen verbessern wird.

Wenn Wels nicht funktioniert, wird man sich wieder etwas Neues überlegen müssen

Das bringt uns gleich zur nächsten Frage: Die Smart Automation sollte eigentlich kommendes Frühjahr wieder wie gewohnt in Wien stattfinden. Stattdessen wird nun die Intertool, die laut Veranstalter in einem „Live Event in Wels gipfeln“ soll, einige Ausstellungsbereiche der Smart inkludieren. Wie stehen Sie zu der Quasi-Zusammenlegung der beiden Fachmessen?

Armin Pehlivan: Aus der Sicht unseres Unternehmens ist es wichtig jedes Jahr eine Messe in Österreich abzuhalten. Ob diese in Linz, Wien oder Wels stattfindet, ist an der Stelle eigentlich egal. Das Publikum ist nicht großartig unterschiedlich. Wenn es die Möglichkeit für Beckhoff gibt, dass wir als zusätzlicher Aussteller bei der Intertool in Wels auftreten können, dann werden wir die Möglichkeit wahrnehmen und uns auch diesbezüglich positionieren. Dass die Wiener Messe nicht mehr zustande kommt, finde ich persönlich sehr traurig. Ich habe jedes Jahr wieder für die Wiener Messe gekämpft – da gibt es bekanntlich viele Unkenrufe und Bestrebungen, die Wiener Messe schlecht zu machen. Wenn sie nicht zustande kommt, weil viele andere sagen, das rechnet sich nicht – das sind lustiger Weise auch oft Wiener – dann kann man nichts dagegen tun. Alleine kann man keine Messe veranstalten. Aber wenn die Intertool, die ja das Zugpferd der Wiener Messe war, auswandert, dann wird es schwierig. Die Smart allein in Wien überleben zu lassen, das wird sich nicht spielen, dafür ist sie zu klein. Die Intertool macht jetzt einen Versuch in Wels, vielleicht wird der Versuch erfolgreich, vielleicht auch nicht – wir werden jedenfalls mitmachen. Wenn es funktioniert ist gut, wenn nicht, dann wird man sich wieder etwas Neues überlegen müssen. 

Sie sind also nicht der Meinung, wie manch andere, dass die Intertool und die Smart zu unterschiedliche Bereiche abdecken, um sie gemeinsam durchzuführen?

Armin Pehlivan: Nein, das ist einfach Symbiose. Natürlich geht es dabei um verschiedene Dinge, aber das eine kann ohne das andere nicht. Wir bauen Steuerungen für Maschinen und die Maschinen anderer Unternehmen brauchen Steuerungen. Es ist das gleiche Klientel. Wenn jemand, nur als Beispiel, Autozubehör anbietet, dann bauen sie zwar keine Autos, sind auf einer Autoshow aber selbstverständlich auch willkommen, weil es thematisch dazu passt. Ich sehe die Bereiche, wenn auch verschieden, dennoch nicht allzu weit voneinander entfernt.

Wir werden von einer Auftragswelle überrollt

Die Änderungen in der Messelandschaft stehen natürlich ursächlich mit der Pandemie in Zusammenhang. Dasselbe gilt freilich auch für die wirtschaftliche Situation, die viele Branchen und Unternehmen sehr unterschiedliche betroffen hat. Daher die Frage: Wie hat sich Ihr Geschäft in den letzten 12 Monaten entwickelt – und was erwarten Sie für das laufende Jahr? Was kommt hier auf Beckhoff zu?

Armin Pehlivan: Das vergangene, durch Corona geprägte, Jahr war eine schwierige Zeit. Trotz allem haben wir das Geschäftsjahr 2020 mit einem leichten Plus abgeschlossen. Und ich weiß nicht, was heuer los ist, aber dieses Jahr ist unglaublich: Wir hatten noch nie so hohe Auftragseingänge und so viele Umsätze – wenn dieses Jahr so weiter geht, haben wir eher ein Problem mit dem Produzieren, als mit allem anderen. Aktuell werden wir gerade von einer Auftragswelle überrollt – wie ein Tsunami. 

Ist Beckhoff etwa ins Plexiglas-Geschäft eingestiegen? Worauf führen Sie das zurück?

Armin Pehlivan: Zum einen auf das „Vakuum“, bzw. den temporären Auftragseinbruch des letzten Jahres, da wird jetzt sehr viel aufgeholt. Zweitens die milliardenschweren Förderungen, die weltweit in die Wirtschaft gepumpt wurden und immer noch werden, scheinen jetzt auch in der Industrie anzukommen. Die Unternehmen investieren, als gäbe es kein Morgen mehr.

Vielleicht auch in Produktneuerungen? Messen dienen ja auch der Präsentation von neuen Produkten. Die letzte Frage bezieht sich genau darauf: Wie gehen Sie das heuer hierzulande an, ohne physische Fachmessen im Frühjahr?

Armin Pehlivan: Die großen Innovationspräsentationen spielen sich ja nicht in Österreich ab. Die meisten wichtigen Neuheiten werden nach wie vor in Hannover präsentiert, oder auf der SPS in Nürnberg. Ob etwas in Österreich im Mai zusätzlich noch präsentiert wird, oder dann im Herbst, spielt für die großen Firmen keine so erhebliche Rolle. Ich glaube nicht, dass eine riesengroße Produktneuheit direkt in Österreich präsentiert wird. 

Rein virtuell funktioniert das einfach nicht

Bei Beckhoff wird doch bestimmt etwas in Planung sein! Welche Neuheiten kommen heuer aus Ihrem Unternehmen – und wie haben Sie vor diese dem Markt zu präsentieren?

Armin Pehlivan: Wir haben zwei große Entwicklungen, die wir präsentieren werden – komplette Neuheiten. Eine davon wird noch dieses, die andere im nächsten Jahr vorgestellt. Aber hierzu kann ich noch nicht viel sagen, wir befinden uns noch in der Patentierung. Eine davon, so viel kann man verraten, wird auf der Hannover Messe im digitalen Raum präsentiert werden. 

Weil Sie es gerade angesprochen haben: Wie stehen Sie zu virtuellen Messeformaten?

Armin Pehlivan: Hier ist noch sehr viel Handlungsspielraum. Die digitalen Messen werden aktuell zu sehr von Software Entwicklern gestaltet bzw. gedacht und genauso sehen sie auch aus. Alle Formate, die ich bislang gesehen habe waren, wenn man ehrlich ist, die Zeit nicht wert. In Summe nette Versuche von den falschen Leuten. Hier gehören federführend Marketing-Spezialisten her. Ich hoffe, dass sich hier nach mittlerweile einem Jahr Corona mit Blick Richtung Hannover Messer einiges verbessert hat und an neuen Konzepten gearbeitet wurde. Ich bin jetzt wirklich gespannt auf den Auftritt der Hannover Messe. Die haben die Reputation, das Geld und die Möglichkeiten dafür. Wenn Sie allerdings in einem ähnlichen Format auftritt, wie es bei der SPS-Connect im vergangenen November der Fall war, dann hat sich das Thema wahrscheinlich erledigt. Ich freue mich definitiv wieder auf Präsenzveranstaltungen, rein virtuell funktioniert das einfach nicht.