Der stellvertretende Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik der AK Wien beschäftigt sich seit vielen Jahren mit industriepolitischen Fragestellungen.

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Gegen eine polarisierte Arbeitsorganisation

Die digitale Vernetzung von Menschen, Maschinen und Betrieben über Regionen und Wertschöpfungsketten hinweg macht das Wesen von „Industrie 4.0“ aus. Warum es wichtig ist, diese Entwicklung nicht nur als technische Innovation, sondern auch als organisatorische Herausforderung zu verstehen und den Menschen statt der Technik ins Zentrum zu stellen.

Ein zentrales Versprechen von Industrie 4.0 ist, den Fokus des Wettbewerbs zwischen Unternehmen von der Kostenseite  auf die Innovationskraft zu verschieben. Doch dabei bleiben Fragen rund um quantitative Beschäftigungseffekte, die Finanzierung der nötigen Investitionen und der entscheidenden Qualifikationsoffensive offen. Es gilt, die digitalen Möglichkeiten zur Sicherung innovativer industrieller Fertigung für Beschäftigung und Wertschöpfung zu nutzen – mit dem Ziel steigenden Wohlstands und hoher sozialer und ökologischer Standards.

Die idealisierte Sicht

Aus technologischer Sicht stehen Daten und deren Vernetzung im Zentrum. In Rohstoffe, Fertigungsobjekte und Maschinen eingebettete Microcomputer und Sensoren berichten über den physikalischen Zustand der Objekte und lösen damit Aktionen aus. Diese Aktionen können lokal sein, aber auch andere Unternehmen betreffen und sogar in anderen Ländern oder Kontinenten wirksam werden. Denn Rohstoffe, Maschinen, Menschen und IT werden über die gesamte Wertschöpfungskette vernetzt. Wie das ablaufen soll, zeigt das idealisierte Beispiel der digitalen Bestellung eines Motorrads: Die Bestellung löst automatisch die Order nach entsprechenden Rohstoffen und Einzelteilen aus. Der angelieferte Stahlblock kommuniziert der bearbeitenden Maschine, dass aus ihm ein Zylinder für das konkrete Motorrad werden soll. Der fertige Zylinder kommuniziert der Arbeitskraft, wo und wie er eingebaut werden soll. Das fertige Motorrad kommuniziert dem Spediteur, an wen es ausgeliefert wird. Die Kundin kommuniziert ihre Zufriedenheit mit dem Motorrad sowohl aktiv als auch passiv durch ihre Motorradnutzung mittels Übertragung der „Live-Daten“. Die Nutzungsdaten des Motorrads kommunizieren der Entwicklungsabteilung, wie es eingesetzt wird und beeinflussen so die Entwicklung des Nachfolgemodells. Verschleißmeldungen führen zu Informationen über notwendige Werkstattbesuche. Bereits im Entwicklungsstadium einer neuen Produktgeneration werden die Produktionsprozesse virtuell abgebildet und auf diese Weise kostensparend optimiert. Auf dem Weg zur Umsetzung solcher Visionen sind technologische, aber auch organisatorische Innovationen sowie Investitionen und Risikofreude erforderlich. Die Visionen stellen enorme Herausforderungen für das Bildungs- und Weiterbildungssystem. Wichtig ist die Weiterbildung bzw. Requalifizierung im Rahmen bestehender Arbeitsverhältnisse.

Verbesserung der Arbeitsqualität

Aus Sicht der ArbeitnehmerInnenorganisationen dürfen nicht alleine technische Innovationen und die Steigerung der Arbeitsproduktivität im Zentrum stehen. Die technologischen Möglichkeiten müssen auch genützt werden, um die Arbeitsqualität zu verbessern – der Mensch muss im Mittelpunkt der Mensch-Maschine-Beziehung stehen. Technologischer Fortschritt verändert die Arbeitsorganisation und ermöglicht die Automatisierung von Tätigkeiten. Im Zuge der Digitalisierung verändern sich Tätigkeitsprofile von Berufen, Berufsstrukturen und Belegschaften teilweise radikal. Es ist wichtig zu betonen, dass neue Technologien nicht automatisch ganze Arbeitsplätze wegrationalisieren. Mitunter werden nur einzelne, bestimmte Tätigkeiten als Bestandteile von Arbeitsplätzen automatisierbar. Der technologische Wandel verändert jedenfalls Berufs- und Qualifikationsprofile und lässt Berufsprofile und Arbeitsplätze neu entstehen. Tendenziell gilt: Gut qualifizierte Menschen in interaktiven und kommunikativen Arbeitsorganisationen sowie in Ländern mit qualitativ hochwertiger IKTInfrastruktur sind am besten auf die Veränderungen vorbereitet. Ob der digitale Wandel zu höheren Einkommen, Beschäftigungszuwächsen, Effizienz, Flexibilität und Zufriedenheit oder aber zu weniger sozialem Schutz, geringerer Arbeitsplatzqualität, weniger Beschäftigung und mehr prekären Beschäftigungsverhältnissen führt, ist offen. Das Endergebnis wird nicht vorrangig durch Technik determiniert, sondern ist Folge unternehmerischer, aber auch wirtschafts- und sozialpolitischer Entscheidungen. 

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Zwei Szenarien der Automatisierung

So sind Ausprägungen der Arbeitsorganisation entlang eines „Automatisierungsszenarios“, bzw. einer „polarisierten Organisation“ genauso denkbar wie entlang eines „Werkzeugszenarios“ bzw. einer „Schwarm-Organisation“. Während erstgenannte Szenarien ein Bild von abgewerteten Fachkräften in einer technikzentrierten Arbeitswelt beschreiben, malen zweitgenannte Szenarien ein Bild, in dem übergreifend arbeitende Beschäftigte die Technik als Hilfsmittel im Arbeitsprozess einsetzen. Die unternehmerischen Potenziale von Industrie 4.0 werden durchweg als verheißungsvoll beschrieben. Hinsichtlich der Beschäftigungswirkungen kommen verschiedene Studien aber zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Entwicklungen sind keine beschäftigungspolitischen Selbstläufer. Um die Chancen für die Gesellschaft zu heben, bedarf es einer Reihe von Voraussetzungen: Ein aktives Herangehen auf betrieblicher Ebene, weitreichende strategische Entscheidungen, massive Investitionen, Qualifikationsmaßnahmen für die Beschäftigten und konsequente Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie wirtschaftspolitische Maßnahmen in Richtung einer fairen digitalen Transformation. Zu letzterem gehört auch die Ausweitung staatlicher Investitionen: etwa für die digitale Infrastruktur, im Bildungs-, Weiterbildungs- und Forschungsbereich oder auch durch die Beteiligung des Staates am Risiko von strategischen Technologieprojekten. Angesichts dieser vielfältigen staatlichen Aufgaben wäre es fatal, würden fiskalpolitische Restriktionen verhindern, dass sinnvolle und notwendige Impulse gesetzt werden können, um die Wohlfahrtseffekte zu maximieren.

Verschiebung in Richtung IT

Internetbasierte Anwendungen werden die Produktion entscheidend verändern. Die weiter voranschreitende Automatisierung und die Virtualisierung der Produktionsprozesse ermöglichen eine noch dezentralere Organisation der Produktion. Arbeitsplätze in der direkten Produktion, in der Werkshalle, könnten dadurch weiter abnehmen. Es gibt aber auch die Hoffnung und erste Hinweise darauf, dass die erhöhte Produktivität auch Kostenunterschiede (etwa zwischen Europa und Asien) glätten und dadurch Verlagerungen reduziert oder teilweise auch rückg.ngig gemacht werden könnten. Ein möglicher Effekt ist auch die weitere Ausdifferenzierung von Wertschöpfungsketten. Betrachtet man Prognosen zu den Auswirkungen auf einzelne Berufsgruppen, zeigt sich, dass es in der Industrie für „Maschinen und Anlagen steuernde Berufe und wartende Berufe“ sinkenden Bedarf geben könnte, während „IT- und Naturwissenschaftliche Berufe“ dazu gewinnen könnten. Zusehends unter Druck geraten werden voraussichtlich vor allem manuelle Routine-Tätigkeiten. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus der direkten Produktion in indirekte Produktionsbereiche kann auch zu Verteilungsfragen führen. Etwa dann, wenn solche kollektivvertraglich gut geregelten Arbeitsplätze in Bereiche mit weniger guten Kollektivverträgen „wandern“. Weitere Komplexität gewinnt diese Frage, sofern die starken Produktivitätszuwächse dann nicht mehr dort anzutreffen sind, wo es auch viele Beschäftigte gibt.

Akzeptanz durch Mitbestimmung

Für den Erfolg der digitalen Transformation ist es notwendig, dass organisatorische Anpassungen von der Belegschaft mitgestaltet und mitgetragen werden. Wenn es gelingen soll, menschliche Tätigkeiten in der Produktion aufzuwerten, dann müssen Investitionen in die Kompetenzentwicklung auf betrieblicher Ebene erfolgen. Das heißt: Akzeptanz durch Mitbestimmung und Kenntnis. Die Vision kann nur durch das Zusammenspiel der Präzision und Geschwindigkeit von Maschinen und Rechnern mit dem Erfahrungswissen, der Reflexions- und Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten in der Produktion erreicht werden. Die Ausdifferenzierung erfordert eine Mitbestimmung auch auf Sparten- und Branchenebene, etwa durch die Einrichtung von Branchendialogen. Dazu gehört auch, als Staat die Rahmenbedingungen für die möglichen neuen Geschäftsfelder zu schaffen, etwa über Regulierungen, Auftragsvergaben, Normungen. Zu den weiteren Forderungen gehört auch die Forcierung von arbeits- und sozialwissenschaftlicher Begleitforschung im Hinblick auf Mensch-Maschine-Schnittstellen, Arbeitsorganisation, Beschäftigtendatenschutz, Arbeitsqualität und auch auf die physische und psychische Gesundheit. Die begleitende Unterstützung und Förderung des Strukturwandels muss bei entsprechenden Forschungsprojekten beginnen, umfasst aber auch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen bis hin zur Requalifizierung von ArbeitnehmerInnen sowie die Weiterentwicklung des Anerkennungsgesetzes für non-formale Kompetenzen, um dem hohen Bedarf an Weiterbildung und Umschulung für fachliche und überfachliche Kompetenzen auf allen Qualifikationsstufen begegnen zu können. Die betriebliche Realität, die Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung kann so polarisiert sein, sodass der Mensch der Technik untergeordnet ist. Durch diese Maßnahmen kann sie aber auch eine inklusive Form haben, in der der Mensch im Mittelpunkt.