E-Mobilität.jetzt

Die Musik spielt in China

Warum das Reich der Mitte die Technologieführerschaft auch bei Elektro-Mobilität übernehmen wird.

230 Teilnehmer bei der diesjährigen Fachkonferenz E-Mobiltät.jetzt

Das globale Wachstum am Automobilmarkt kommt aus China: Jedes Jahr werden zwei bis drei Millionen PKWs mehr verkauft als im Jahr davor - 2017 waren es bereits knapp 98 Mio. PKW -, und das Marktwachstum ist nahezu deckungsgleich mit den steigenden Neuzulassungen in China. Das rechnete Dr. Markus Schermann, General Manager von Great Wall Motor Austria Research & Development, auf der Fachkonferenz E-Mobilität.jetzt vor, die am 8. November in Wien-Schönbrunn stattfand. Doch nicht das reine Marktwachstum ist es, das China so wichtig für die globale Technologieentwicklung macht: Es ist die technische Vorreiterrolle, die das Reich der Mitte von den Europäern nahezu unbemerkt einzunehmen beginnt. Das betrifft auch und vor allem die Elektromobilität.

Einer von zehn Schwerpunkten

"China wird vom Technology-Follower zum Technology-Leader", sagte Schermann. Das ist für die globalen Technologie-Zulieferer sehr relevant: In der gelenkten Wirtschaft Chinas ist die E-Mobilität einer von nur zehn Schwerpunkten, den der Staat in seiner Technologie-Vision "China 2025" getroffen hat und in denen die Entwicklung von ganz oben vorangetrieben werden. 

E-Mobliität.jetzt

Die Konferenz E-Mobilät.jetzt fand heuer zum bereits vierten Mal statt und hat sich zum wesentlichen Treffpunkt für die E-Mobility-Szene gemausert. 230 Besucher hörten ein Vortragsprogramm, das den Bogen von globalen politischen Trends bis zu Umsetzungen auf lokaler Ebene, von Wasserstoff-LKWs bis E-Scootern, von aktuellen Forschungsergebnissen bis zu Angeboten für Fuhrparkmanager und eben auch von China bis Kottingbrunn spannte.

White Paper zum Thema

China bestimmt die globale Hardware

Österreich gilt im europäischen Kontext als eines der Vorzeigeländer im Bereich der Elektromobilät. Doch ein Blick nach China rückt die Perspektive ein wenig zurück: Während in Österreich derzeit knapp über 20.000 E-Fahrzeugen auf den Straßen unterwegs sind, wurden in China 2017 580.000 "Clean Energy Cars" verkauft, drei Viertel davon reine Batteriefahrzeuge. Für 2018, so Schermann, wird eine Verdoppelung dieses Marktes erwartet: also knapp 900.000 Elektro-Autos, die heuer neu im Reich der Mitte zugelassen werden. Für Technologieproduzenten aus aller Welt ist nicht nur die schiere Größe des Marktes relevant, sondern eben auch die technologischen Vorgaben. Und da sei China sowohl bei den Emissionen für Verbrennungsmotoren als auch bei den Vorgaben für Elektromobilität mittlerweile strenger als die Europäische Union, gab Schermann zu bedenken: "Die chinesischen Vorgaben werden die globalen Hardware-Lösungen bestimmen." 

Forschung und Entwicklung in Kottingbrunn

Markus Schermann ist Geschäftsführer der "Great Wall Motor Austria Research & Development", also der E-Mobilität-Forschungstochter eines großen chinesischen Automobilherstellers. Great Wall Motor (GWM) beschäftigt rund 90.000 Mitarbeiter und baut über eine Million Fahrzeuge pro Jahr. Seit Jänner 2018 entwickelt die österreichische Tochter in Kottinbrunn (NÖ) elektrische Antriebe und Leistungselektronik für die E-Flotte von GWM. Der chinesische Hersteller hat sich nicht zufällig südlich von Wien angesiedelt. Die österreichische Tochter hat hier Zugang zu den besten Technologie- und Forschungspartnern, die es im Bereich der Elektromobiltät gibt.

Leistbares Fahren statt Over-Engineering

Das ehrgeizige Projekt, an dem GWM derzeit arbeitet und für das in Kottingbrunn wesentliche Vorarbeiten geleistet werden, lässt sich unter dem Begriff "leistbares E-Fahren" zusammenfassen. Geplant sei ein kleiner E-PKW mit einer Leistung von 35 kW und einem Marktpreis von "deutlich unter 10.000 Euro". Das könne nur erreicht werden, so Schermann auf Nachfrage von anderen Autoherstellern in der Diskussionsrunde, indem man das Auto auf seinen Kern zurückschraube und auf jegliches "Over-Engineering", wie es in Europa mittlerweile üblich sei, verzichte. Seine Conclusio: "Europa muss an seiner dauerhaften Wettbewerbsfähigkeit arbeiten!"