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Der Wunsch nach Mannerschnitten oder: Die analoge Schwachstelle "Mensch"

Ein etwas weit hergeholtes Beispiel aus einem Fußballstadion, das die Problemstellung bei der Digitalisierung der Lebensmittelbranche zeigen soll.

Die neue Heimstätte der Wiener Austria ist rundum gelungen. Sieht man von den schauderhaften Leistungen ab, die am Rasen geboten werden, spielt das Horr-Stadion vulgo Generali-Arena so ziemlich alle Stückerln, die man sich als Freund des gepflegten Fußballs nur wünschen kann (außer gepflegten Fußball, aber man kann offenbar nicht alles auf einmal haben).

Die Buffets des neuen Schmuckkästchens betreibt seit Sommer 2018 „Henry am Ball“, die Catering-Tochter von Do&Co, die hier einen Teil ihrer frei gewordenen Kapazitäten nach dem Verlust des ÖBB-Speisewagen-Vertrags nutzt. Für ein Fußballstadion, dessen kulanrisches Angebot sich bisher auf Bier, Pommes, Wurstsemmeln und ähnliches beschränkte, ging man neue Wege: Jedes der Buffets hat ein eigenes Spezialangebot, sodass jeder seine speziellen Vorlieben an einer anderen Verköstigungsstation befriedigen kann. 

Dabei ging der Anbieter auch bei der Bezahlung mit der Zeit und verzichtete völlig auf die zeitraubende Variante des Bargeldverkehrs. Kredit- oder Bankomatkarte ans Lesegerät halten, und schwupps wandern Getränke und Speisen über die Theke. Kürzere Wartezeiten, modernes Image, hygienische Vorgänge durch den Entfall des Hantierens mit bakterienverseuchten Münzen – die Idee ist richtig gut.

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Sie hat aber einen Haken, den nur nachvollziehen kann wer schon mal mit Kindern im Stadion war. Wenn die früher in der Pause ein Packerl Mannerschnitten wollten, dann marschierten sie mit ein bisschen Kleingeld in der Hand Richtung Essensausgabe. Das geht jetzt nicht mehr: Sind die Kinder recht klein, ist das Risiko zu groß sie mit der Kreditkarte samt auswendig gelerntem Code (den es braucht, weil der auch bei NFC-Zahlungen stichprobenartig abgefragt wird) abziehen zu lassen. Sind sie größer, ist das Risiko erst recht zu groß, ihnen den Code für die Kreditkarte zu geben … bleibt dem verantwortungsbewussten Erwachsenen also nur mehr, seinen wohligen Platz in der freundlichen Nachmittagssonne zu verlassen und sich in die Schlange vorm Buffet einzureihen, um den Nachwuchs mit einem Zuckerstoß zu versorgen.

Hmpft.

Das ist die Einleitung, die quasi hinten herum zum Thema der aktuellen Ausgabe von process pur führen soll. Darin geht es nicht um den Konsum, sondern um die Produktion von Getränken und Lebensmitteln. Im Fokus stehen Beispiele, die funktionieren: Von der Zucht über die Hygiene, die Qualitätskontrolle bis zur Lebensmittellogistik gibt es genug Aufgabenstellungen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu Automatisierung und Digitalisierung einladen. Denn in dieser Branche gilt noch mehr als sonst eh auch überall: Der Mensch ist die Schwachstelle bei der Industrialisierung. Je seltener er persönlich und analog eingreift, desto genauer muss darauf geachtet werden, welche Folgen dieser Eingriff hat und wie der gesamte Prozess gestaltet ist.

Gibt es hier Lücken, Fehler oder stößt der Mensch auf unerwartete Hindernisse, dann neigen wir als improvisierende Spezies zur Umgehung – und beginnen damit, Mannerschnittenpackerln in ein Stadion hineinzuschmuggeln, um zu oben beschriebenen Beispiel zurückzukehren. So entgeht dem Anbieter Umsatz: Und das soll ja nicht die Folge einer Prozessoptimierung sein, oder?

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