Digitalisierung und KMUs

„Bullshitting am Ende des Tages“

„Jeder propagiert seine smarten Abläufe, weil er irgendwo ein paar statistisch getriebene Prozesse einführt“, sagt Matthias Ortner, Equity-Partner von Advicum Consulting und CEO des Data Science-Unternehmens „eMentalist“. Er attestiert österreichischen Unternehmen in puncto Digitalisierung unter anderem Orientierungslosigkeit.

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Gebetsmühlenartig wird wiederholt, wie wichtig die digitale Transformation in den heimischen Unternehmen für die Entwicklung der Wirtschaft ist. Darüber, wie weit die Digitalisierung in Österreich aber letztendlich bereits fortgeschritten ist, lässt sich diskutieren. Und auch darüber, ob oder inwieweit die Pandemie hier als Katalysator gedient hat. „Wenn ich mir überlege, wo die Corona-Krise etwas bewegt hat - allein durch das Muss, dass alles weiterläuft - sind eigentlich die Kommunikation und das virtuelle Arbeiten zu nennen“, sagt Matthias Ortner. „Was definitiv salonfähig geworden ist, ist das Home Office, also virtuelles Arbeiten.“ Das, was wir jetzt erleben, wäre vor einem Jahr de facto nicht möglich gewesen, ist Ortner der Ansicht und fährt fort: „Wenn wir aber jetzt darüber reden, ob sich in der Produktion etwas groß verändert hätte, würde ich behaupten: nein. Es ist eher das das operative Arbeiten im Unternehmen, das Desktop-Arbeiten, das sich verändert hat.“

Nächste Evolutionsstufe: KI

Überall dort, wo Automatisierungsbestrebungen gestartet und standardisierte Prozesse an Maschinen übergeben wurden, sieht Matthias Ortner die nächste Evolutionsstufe im Einsatz von Artificial Intelligence. „De Facto ist KI eigentlich die Basis für die Weiterentwicklung der gesamten Wirtschaft. In Bezug auf Industrieproduktion sehe ich KI ganz stark in Kombination mit Robotics. Dann bekommen wir intelligente Maschinen, die Arbeiten abnehmen, aber nicht vollautomatisiert, wie es aktuell ist, sondern angepasst an unterschiedliche Produktionsbedürfnisse.“, so Ortner. In der Industrie sei das vor allem bei Maintenance Topics der Fall, wo man durch Hochfrequenzkameras beispielsweise Anomalien in der Produktion erkennen und die KI dahingehend weitertrainieren kann. „Das wäre Supervised Learning, wo die Maschine aus uns heraus lernt. Das ist für mich die größte Verknüpfung. In diesen Systemen wird der Mensch, wenn Sie so wollen, eher zum Quality Assurer, also zum Trainer der Maschine und ist weniger operativ tätig.“ 

Österreich hinkt hinterher

Bis es soweit ist, dass künstliche Intelligenz hierzulande flächendeckend eingesetzt, oder sogar entwickelt wird, sei es aber noch ein weiter Weg. Gerade in puncto digitale Transformation hinke Österreich stark hinterher. Matthias Ortner ortet hier eine gewisse Orientierungslosigkeit: „Ich glaube bis dato wurde wahrscheinlich die Notwendigkeit nicht gesehen, sich massiv in der Digitalisierung zu bewegen. Zusätzlich ist das Verständnis bei KMUs häufig nicht gegeben - was heißt Digitalisierung überhaupt? Wenn Sie dazu meine persönliche Meinung wissen wollen: Jeder propagiert seine smarten Abläufe, weil er irgendwo ein paar statistisch getriebene Prozesse einführt, oder Datenanalysen mit Excel betreibt. Dann ist er schon vollautomatisiert und smart. Das ist aber Bullshitting am Ende des Tages.“
Die Pandemie könnte aber ein Anstoß sein, das zu ändern: „Ich glaub, dass die Corona-Krise hier extrem viel bewirkt hat. Sie hat im Endeffekt die Defizite in unserer Wirtschaft aufgezeigt“, sagt Ortner. Nun sei die Zeit, ich hinzusetzen und an neuen Geschäftsmodellen und Digitalisierungsstrategien zu feilen und sich auf die Zeit nach der Krise vorzubereiten. „Wo geht man eigentlich hin? Wer sind die Competitors? Was kann ich in der neuen Situation machen? Und was muss ich eigentlich umsetzen? Da gibt’s ganz viele Möglichkeiten“, ist er überzeugt. „Gewisse Lösungen und trial and error sind teuer, aber ich muss ja nicht als KMU immer als Erster alles ausprobieren, sondern ich kann mir ja einmal anschauen, welche Technologien schon etabliert sind und wo ich mich drüber wagen kann.“ 

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10.000 österreichische Zombies

Österreich befinde sich nach Ausbruch der Pandemie aber immer noch in einer Art Schockstarre. Nach über einem Jahr sei es aber dringend an der Zeit, wieder anzupacken, ist der Experte überzeugt. „Das Problem ist, dass wir diese 10.000 Zombie-Unternehmen haben, die durch Förderungen in den Tiefschlaf versetzt wurden.“ Das würde sich aber nicht ändern, „solange diese Situation gegeben ist und sich die Leute nicht damit beschäftigen neue Geschäftsmodelle zu fahren, sondern mit 20 Prozent Arbeitszeit 80 Prozent verdienen, Förderungen da und dort bekommen, nur um die Wirtschaft irgendwie am Laufen zu halten“, sagt Ortner und fährt fort: „Ein Teil der Wirtschaft beschäftigt sich mit digitalen Lösungen, die haben das erkannt. Die anderen warten einmal ab, was danach kommt. Und da wird der Big Bang kommen.“ Natürlich gebe es keine Erfahrungswerte, wie man mit einer derartigen Situation umgehen soll, auch nicht auf Regierungsebene, so der Experte. „Aber nach zwölf Monaten müssten die Unternehmen eigentlich in der Lage gewesen sein, sich Alternativen zu überlegen und sich anzupassen. Wer jetzt noch immer wartet, der hat’s im Endeffekt nicht verstanden. Man könnte da jetzt viele Gründe anführen, aber ich denke, es ist einfach zu bequem gemacht worden“, sagt Ortner. Gerade KMUs hätten aber in Situationen wie diesen das Potential, etwas zu bewegen: „Dadurch, dass ich relativ schnell reagieren kann, keine großen Gremien fragen muss, keine langen Budgetprozesse durchlaufen muss - das müsste für KMU in Österreich schon ein gewaltiger Vorteil sein. An dieser Stelle muss man auch lobend anerkennen, dass die Regierung den Unternehmen mit den Förderungen auch Risiko abnimmt, damit sie etwas ausprobieren können und nicht gleich mit einem Fuß in der Insolvenz stehen.“ Man müsse den Menschen Perspektiven aufzeigen, meint Ortner. „Am Ende des Tages braucht es ein Change of Mindset.“